Teehäuser

Über den Begriff Tee haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet und die unterschiedlichen Facetten herausgestellt (Tee als Gewächs, Tee als Getränk, Tee in seiner kulturellen Bedeutung etc.). Der Begriff Haus hingegen ist hier neu und muss deshalb kurz beleuchtet werden:

Der Begriff ist einerseits rein physisch als umbauter Raum zu verstehen. Andererseits ist er funktionell in einem soziologischen Kontext als Aufenthaltsraum oder Begegnungsstätte zu verstehen. Drittens sehen wir Häuser in einem kulturell-künstlerischen Zusammenhang.

Aus den vorgenannten Erläuterungen ergibt sich die Vielschichtigkeit des Kompositums „Teehaus“ und auch die Tatsache, dass das Thema hier nicht abschließend und umfassend behandelt werden kann.

Als Hauptbegriff verstehen wir darunter im weitesten Sinne alle Einrichtungen, in die Menschen gehen, um Tee zu trinken. In diesem Sinne sind dafür auch andere Begriffe zutreffend, etwa Teelokal, Teeladen, Teestube, Teepavillon, Teepagode, Teetempel, Teeoase, Teegarten oder neuerdings auch Tea Lounge, Tea Shop etc. Und unter chinesischem Teehaus verstehen wir alle Teehäuser inner- und außerhalb Chinas, in denen chinesischer Tee zubereitet und angeboten wird.

Historisch betrachtet gab es erste Teehäuser in der Tang-Dynastie (618-906). Ihre erste Blüte erlebten sie allerdings in der kurz darauf folgenden Song-Dynastie (960-1279).Teehäuser gab es für unterschiedliche soziale und Berufsgruppen, aber auch für unterschiedliche Zwecke, angeblich sogar solche zur Anbahnung von Eheschließungen. Auf jeden Fall wurden Teehäuser zunehmend soziale und kommunikative  Treffpunkte, wo sich Menschen beim Tee plaudernd die Zeit vertrieben oder sich unterhalten ließen von Geschichtenerzählern oder anderen Kleinkünstlern.

In den folgenden Perioden der Ming (1368-1644) und der Qing (1644-1911) entwickelte sich die Teehauskultur stetig weiter und hat eine bunte Vielfalt mit unzähligen regionalen und lokalen Sonderheiten hervorgebracht. Übrigens, ein Besuch im National Tea Museum in Hangzhou –  ein Besuch des wunderschönen Museums ist ohnehin äußerst empfehlenswert ist – werden einige regionale Teehäuser ausgestellt.

Natürlich sind Teehauskulturen besonders stark ausgeprägt, wo Tee angebaut wird und die Menschen selber starke Teetrinker sind. Dazu gehört selbstverständlich auch die Provinz Sichuan, wo es heißt, dass man selten über dem Kopf einen heiteren Himmel hat, doch immer hat man ein Teehaus vor Augen. Berühmt waren die Teehäuser in Chengdu – wie die in Chongqing -, mit wunderschönen Fassaden und edelstem Teegeschirr. Die Teehäuser waren hier wie auch in anderen Gegenden Treffpunkt der Menschen, wo man stets Neuigkeiten erfuhr, für die beredten Sichuaner ein idealer Ort. Sie verbrachten häufig viele Stunden in den gemütlichen aber schlicht eingerichteten Teehäusern, in denen äußerst geschickte Teemeister ihre Kunst vollbrachten. Außerdem sollen die Teehäuser als inoffizielles Gericht fungiert haben, in denen eine Art Mediatoren Streit schlichteten oder gar „urteilten“.

Hier wie in anderen Teilen Chinas dienten die Teehäuser auch als Bühne für Erzähler, Puppenspieler, Musiker und andere. Aber nicht nur in der Freizeit hatten sie eine Bedeutung, hier wurden auch Geschäfte getätigt. Damit spielten die Teehäuser eine umfassende soziale Rolle und hatten mannigfaltige politische, wirtschaftliche und kulturelle Funktionen.

Während man in Sichuan gerne postfermentierte Tees wie Pu-Erh trank, wurden in den Teehäusern In Hangzhou hauptsächlich Grüne Tees getrunken. Hangzhou, die Hauptstadt Zhejiangs und Hauptanbauregion des berühmtesten chinesischen Grünen Tees, den Xihu Long Jing, den Drachenbrunnentee vom Westsee. In dieser Region Chinas kommen viele Faktoren zusammen, die den Teestandortpositiv beeinflussten: malerische Landschaften mit wunderschönen Bergen, klaren Flüssen und Seen, eines der Zentren des Buddhismus (Chán oder Zen) und Konfuzianismus, wirtschaftliche Prosperität, sehr weit entwickelte Kultur und Kulturbewusstsein. All das führte dazu, dass sich die Region sehr früh zu einem Zentrum der chinesischen Teekultur entwickeln konnte. Und auch heute noch spielen Hangzhou und Zhejiang wie die benachbarte Provinz Fujian eine herausragende Rolle  in der chinesischen Teekultur, so dass es auch nicht verwunderlich ist, dass sich in Hangzhou das Nationale Teemuseum Chinas sowie ein modernes Teeforschungsinstitut befindet. Zwar nicht ganz so viele wie in Chengdu oder Chongqing, aber auch heute noch befinden sich hier zahlreiche Teehäuser am malerischen Westsee in Hangzhou.

Die Teekultur begann in Hangzhou mit der Gründung der Südlichen Song-Dynastie (1127 – 1279). Hangzhou wurde zur Hauptstadt der neuen Dynastie, weshalb sich hier schnell konfuzianische Ideen und eine höfische Kultur entwickelten. Hangzhou, noch heute eine der schönsten Städte Chinas, erlebte eine Blüte und damit auch die aufkommenden Teehäuser. Das besondere der Teehäuser in Hangzhou ist ihre besondere Lage, ihre Eleganz durch gefällige Architektur und herausragende Einrichtungen sowie das Angebot an erstklassigem Grünen Tee, dem Xihu Long Jing. Hier, am Westsee in Hangzhou könnte das Prinzip des wu wei, des Handelns durch Nichtstun oder Nichthandelns (den Dingen freien Lauf lassen) entstanden sein.

Die Teehäuser in Beijing waren Mehrzweck(tee)häuser, denn sie vereinten viele Funktionen und Eigenschaften der Teehäuser, die man in ganz China finden konnte.  Es gab sog. Groß-Teehäuser, Nur-Teehäuser, Shu-Teehäuser (shu heißt Buch, also wurde hier vorgelesen und Geschichten erzählt), Erhun-Teehäuser (er heißt zwei, und hun heißt Fleischgericht) und viele andere. Daneben gab es eine Fülle von Teeständen und Teebuden über die ganze Stadt verteilt. Die Pekinger waren als Müßiggänger bekannt, und für alle Bürger wie für Literaten, Schauspieler, Beamte und Handwerker waren die Teehäuser beliebte Ziele, zumal sie auch billiger waren als Restaurants und Weinstuben.

Die klassischen Romane der Ming-und der Qing-Dynastie (1368 bis 1644 und 1644 bis 1911) sind sehr wichtig in der chinesischen Literaturgeschichte: Jedoch entstanden sie, anders als die klassischen Romane in den europäischen Literaturkreisen, nicht von bekannten Literaten geschrieben worden, vielmehr entstanden sie als hua ben  (übersetzt etwa Geschichtenskizze) in Teehäusern, den sog. Shu-Teehäusern, und wurden mündlich überliefert. Dadurch sind diese Romane lebendiger in der Bevölkerung erhalten als andere Literaturformen, weshalb schon deshalb der Teehaus-Kultur seit der Song -Dynastie eine besondere Bedeutung zukommt.

In Peking gab es eine Fülle von Shu-Teehäusern. Den Teehausbesucher wurde vor dem Erzählen Tee gereicht und zwischendurch nachgefüllt. Durch den Tee seien sie angeblich besonders konzentriert gewesen. Für das Vorlesen oder Erzählen zahlten sie eine sog. Buchgebühr. Den größten Teil des Erlöses erhielt der Erzähler.

Da sich aber nicht alle und immer für die Geschichten interessierten gab es auch sog. Nur-Teehäuser oder Teehäuser, in denen das Schachspiel angesagt war. Die Teehäuser waren zumeist einfach eingerichtet und boten auch günstigen Jasmintee oder Pulvertee. Hier konnte man deshalb günstig die Sorgen des Alltags hinter sich lassen und trotzdem einen gewissen Lebensstil pflegen.

Da die Pekinger Ausflüge liebten, ist es nicht verwunderlich, dass es an den Feldern und Sumpflandschaften außerhalb der Stadttore, an Seen und in den nahen Bergen auch zahlreiche Feld-Teehäuser und Saison-Teebaracken gab. Hier konnte man gemütlich beim Tee verweilen, sich ausruhen oder auch Kleinigkeiten essen.

Dazu gab es in Peking noch elegant eingerichtete Groß-Teehäuser, die ein vielfältiges Angebot – auch für größere Gesellschaften – für ganz unterschiedliche gesellschaftliche Anlässe parat hielten. In dem Theaterstück Das Teehaus von Lao She wird ein solches Groß-Teehaus geschildert.

Eher einem Restaurant ähnelten die sog. Erhun-Teehäuser, eine Mischform zwischen Teehaus und Restaurant, in denen den Besuchern nicht nur eigene Speisen angeboten sondern auch vom Kunden mitgebrachte Lebensmittel zubereitet wurden

In Tianjin wurden wegen der Nähe zur Hauptstadt manche Elemente der Teehaus-Kultur Pekings übernommen. Die meisten Teehäuser in Tianjin waren Mehr­zweckhäuser, in denen Tee und kleine Speisen angeboten wurden, die aber auch ein kgewisses kulturelles Angebot parat hielten. Ein größeres kulturelles Angbot jedoch boten die vornehmen Teehäuser in der wichtigen Handelsmetropole Shanghai. Hier trafen sich die „bessere Gesellschaft“, Akademiker, Künstler und Literaten. Viele der Shanghaier Teestuben wurden in der Nachbarschaft des Cheng Huang Miao, des Tempels des Stadtgottes errichtet.

Die Teehäuser in Kanton (Guangzhou) waren noch exklusiver als die in Shanghai und anderen Städten. In ihnen wurden neben Tee auch Speisen angeboten. Das hier gerne angenommene Angebot des Frühstücks wurde Morgentee genannt. In den häufig am Fluss stehenden Teehäusern beobachteten die Besucher beim Morgentee gern den Beginn des Tages wenn die Sonne den vom Fluss aufsteigenden Nebel durchstößt, während sie beim Abendtee den sich im Fluss spiegelnden Mond bewunderten.

Auch heute noch gibt es in China unzählige Teehäuser, Teestuben, Teegeschäfte , in den auch Tee ausgeschenkt wird. Ein sehr großer Unterschied zwischen früher und heute besteht darin, dass das Angebot heute sehr viel teurer ist. Wir werden in Zukunft hier einige wichtige und besonders schöne Teehäuser vorstellen.

Literaturhinweise (Auswahl):

  • Bin Hong (Ed.), Chinese Leisure – Teahouse, Peking 2009
  • NN, Teahouse architecture, Peking 2010
  • Guo Danying und Wang Jianrong, The Art of Tea in China, Peking 2007
  • Karl Schmeisser, Jian Wang, Tee in Teehaus, Heidelberg 2005
  • Wang Ling, Chinese Tea Culture, Peking 2000
  • Wang Ling, Die chinesische Teekultur, Peking 2002

In unserem Literaturverzeichnis finden Sie noch zahlreiche weitere lesenswerte Teebücher bzw. Bücher über die chinesische Teekunst.