Einführung in die zeitgenössische chinesische Kunst

In der Kunst spiegelt sich vor allen Dingen die geschichtliche Entwicklung eines Landes, eines Sozial- oder Kulturraums. Und so ist auch die zeitgenössische chinesische Kunst ein Abbild der jüngsten Geschichte Chinas insbesondere der Volksrepublik nach der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“, einer von Mao Zedong (1893 bis 1976) im Jahre 1966 eingeleiteten politischen Kampagne, die das Land  zehn lange Jahre erdulden musste.

Der pragmatische Deng Xiaoping (1904 bis 1997 – „Egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse“) leitete nach Maos Tod eine Reformpolitik ein, die die Öffnung Chinas und damit auch eine lang anhaltende wirtschaftliche Entwicklung zur Folge hatte. Nach Jahrzehnten von Bürgerkrieg, Machtproben und Abschottung hatten Intellektuelle und Künstler, des sozialistischen Realismus längst überdrüssig, plötzlich wieder Zugang zu westlichem Gedankengut und kulturellen Strömungen. Man begann sich neu zu besinnen und zu orientieren in einem Land, das noch in vorindustriellen Strukturen verharrte und nun wirklich auf dem „Großen Sprung“ war. Es entwickelten sich zahlreiche Kunstrichtungen und Bewegungen, die jede für sich eigene Ziele verfolgte, die Aufarbeitung der Vergangenheit, Abrechnung mit dem System, Befreiung von einem repressiven Apparat, Übernahme klassisch moderner, moderner oder postmoderner Kunst- und Kulturkonzepte u.v.m. Nach politischen Reaktionen, um eine vermeintlich Verbürgerlichung der Kunst und Kultur Chinas zu verhindern, entstand die Bewegung 85, die sich besonders auf den Dadaismus  und die amerikanische Po-Art sowie Performance-Kunst bezog. Diese und andere Protestbewegungen, die immer lauter Freiheit und Demokratie forderten, waren auch wesentlich an den Demonstrationen von 1989 beteiligt, die militärisch niedergeschlagen wurden. In der Folge lag die Kunst- und Kulturszene abermals am Boden, Künstler mussten ins Gefängnis oder konnten ins Ausland flüchten.

Die Politik schlug nun abermals einen neuen Weg ein, und Deng, der für die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände von 1989 verantwortlich war, trieb das Land zu einem wirtschaftlichen Aufbau, der bis heute einzigartig ist. Alle diese Ereignisse sind sicherlich sehr bedeutsam zum Verstehen der heutigen Volksrepublik wie auch der zeitgenössischen chinesischen Kunst. Doch wir verzichten hier bewusst auf weitergehende Schilderungen und Interpretationen einzelner Ereignisse oder bestimmter sozialer oder politscher Verhältnisse und besinnen uns weiter auf die Kunst.

Wie die Wirtschaft erlebte auch die Kunst seit den 90er Jahren einen enormen „Boom“ und entwickelte sich beinahe zu einer Art Wirtschaftszweig. Die vormals vom Staat bezahlten Künstler wurden nun zu „Freischaffenden“, die ihre Werke besonders an Ausländer, an Diplomaten und Geschäftsleute verkauften.  Zwar waren es auch Ausländer, die die ersten Galerien in China eröffneten, doch folgten bald die Chinesen selber, die weitläufige Künstlerdistrikte, wie z.B. den Dashanzi oder 798 District oder der benachbarte Bezirk Caochangdi in Peking. Die Hauptstadt hat sich heute längst zum Zentrum der Kultur in Asien entwickelt. Und einzelne Werke zeitgenössischer chinesischer Maler erzielen immer neue Rekordpreise, etwa von Fang Lijun (Jahrgang 1963), Zhang Huan (geboren 1965), Yue Minjun, Liu Ye (geboren 1964) oder Zeng Fanzhi (geboren 1964), der mit knapp 10 Millionen Dollar, den absoluten Preisrekord hält.

Ihnen allen gemein ist, dass sie den Kunstrichtungen „Zynischer Realismus“ und Politischer Pop“ zugerechnet werden. Jüngere Künstler bemühen auch traditionelle Formen, etwa die der klassischen chinesischen Landschaftsmalerei, die sie mit farbenfrohen und comicartigen Elementen versetzen. Neben der Malerei entstehen weitere Kunstrichtungen, Videokunst, Performance-Kunst usw., und insgesamt entwickelt sich die Kunstszene wie die Wirtschaft des Landes fast explosionsartig. Auf den ersten Blick beeindruckt die Vielfalt der zeitgenössischen Kunst, und bei näherem Hingucken fällt der enorme „Nachholbedarf“ auf.

Inwieweit jedoch eine eigenständige Kunstszene in China entsteht, soll und kann hier und jetzt nicht beantwortet werden. Doch beabsichtigen wir an gleicher Stelle, genau dieser Frage nachzugehen. Ist tatsächlich die „zeitgenössische chinesische Kunst eine reines Marktprodukt“, wie von vielen behauptet? Kann diese Frage überhaupt jetzt beantwortet werden? Wo liegen die verborgenen Talente und was sind die wirklichen Themen der heutigen Kunstszene?

Das Chá Dào wird sich dem Thema zeitgenössische Kunst und Kultur intensiv widmen und vielen jungen Künstler eine Plattform bieten, um ihre Kunst einem interessierten „Westpublikum“ vorzustellen.