Songzhuang Art Village

Songzhuang ist ein kleines Dorf im Tongzhou Distrikt am östlichen Stadtrand des Molochs Peking an der Grenze zur Nachbarprovinz Hebei. Bis auf ein paar Läden, die Farben und Holzrahmen anbieten, deutet auf den ersten flüchtigen Blick nichts darauf hin, dass hier um eine der größten Künstlerkolonien handelt, in der heute mehr als zweitausend Künstler leben und arbeiten. Es sind Maler aller Stilrichtungen, vom Avantgarde bis zu traditionell-akademischen Malerei, aber auch Bildhauer, Fotografen und andere haben sich der künstlerischen Dorfgemeinschaft angeschlossen.

Anfang der 90er haben sich in Songzhuang einige Dutzend Avantgarde-Maler aus Peking niedergelassen, die mit ihren kritischen Einstellungen und Blicken aus der „behüteten“ Metropole  hierher „flüchteten“. Hier fanden sie eine ideale Zuflucht um in kritischen Situationen kurzfristig den Ordnungshütern nach Osten in die benachbarte Provinz zu entweichen. Heute heißt es offiziell, im dörflichen Leben seien sie der Natur näher (CRI 2011) und hier seien sie „unabhängig“ und hätten ein kritische Distanz, die für ihr künstlerisches Schaffen wichtig seien. Während die Künstler anfangs noch misstrauisch von der übrigen Dorfbevölkerung beäugt wurde, sind sie seit einigen Jahren sehr geschätzte Mitbürger, denen gar ein Mitspracherecht bei der Dorfplanung eingeräumt worden ist.

Wie alle Beweggründe auch zu werten ist, eines ist ganz sicher: Die meisten der in Songzhuang lebenden Künstler, die aus der gesamten Republik stammen, brauchen ein relativ stabiles und ganz sicher gelassenes und zwangloses Leben im Kreise ihrer Freunde. Nahezu alle Künstler müssen vom Verkauf ihrer Kunst leben. Das ist für viele Künstler nicht ganz so einfach wie sie sich das vielleicht vorgestellt hatten. Dazu kommt, dass durch die enormen Zuzug und die damit auch stark gestiegene Nachfrage die Immobilienpreise und die übrigen Lebenshaltungskosten in die Höhe geschnellt sind.

Aber das stille Songzhuang ist nach wie vor ein bei jungen Künstlern angesagter Ort, und mehr und mehr Kunstinteressierte pilgern vor die Tore Pekings. Junge Künstler möchten hierher, in die heiligen Hallen der zeitgenössischen chinesischen Kunst. Mittlerweile gibt es auch Kunstfestivals und sogar Museen und Galerien haben sich in dieser größten Künstlergemeinde Chinas niedergelassen.

Die Künstler gehen auf jede Fall voll in IHREM Dorf auf. Sie geniessen die Natur und die Nähe zu den Bauern, und sie können jederzeit auf einen Sprung bei ihren Freunden vorbei schauen. Sie sind gesellig, trinken, essen und reden stundenlang miteinander, und sie haben für Politik und Zeitgeschehen nur wenig Zeit. Ihnen allen gemein ist, dass sie als Künstler erfolgreich sein wollen. Und einige wollen damit auch viel Geld verdienen, anderen ist auch das egal.

Zu den international bekanntesten Künstlern aus Songzhuang gehören Fang Lijun, Zhang Huiping,  Yue Minjun, Yao Jun Zhong und Yang Shaobin. Nun haben aber auch andere Künstler nachgezogen und werden – auch wenn sie nicht zu Millionenbeträgen auf Auktionen gehandelt werden – von einem internationalen Publikum sehr geschätzt wie etwa Wang Jixin, der mittlerweile eine Reihe von Ausstellungen in Österreich und Deutschland hatte. Er beschäftigt sich in seinen gegenwärtigen Arbeiten mit den ehemaligen kaiselrichen Porzellanmanufakturen Jingdezhen. Er macht aufmerksam auf den Verlust von Sensibilität für die eigene Kultur, vielleicht für die Aufgabe der eigenen Identität; The Lost of Glory nennt er deshalb ausdrücksvoll seinen momentanen Arbeitszyklus.

Der Ruhm von Songzhuang bringt natürlich auch seine Schattenseiten mit sich. Große Aufmerksamkeit von allen Seiten stören das ruhige Künstlerdasein und mögen die intellektuelle und künstlerische Reflexion in gewisser Weise beeinträchtigen. Doch nach wie vor ist Songzhuang bei den Künstlern und jungen Avantgardisten sehr beliebt. Viele Stimmen behaupten, dass in Songzhuang die Zukunft der chinesischen Kunst liege. Und schon wird der einst ruhige Marktflecken mit Soho, Barbizon, Dachau und Worpswede verglichen.

Mittlerweile gibt es auch feste Termine im Kunstkalender der Küsntlergemeinde, etwa das seit 2005 ausgerichtete „Songzhuang Art Festival“. Auch haben sich schon erste Galerien etabliert und Museen ihre Pforten eröffnet. Und die Politik will offensichtlich nicht nachstehen wenn es seitens der Partei heißt: Let hundreds schools of thought contend, and hundreds of flowers blossom.

Bilder von oben nach unten: Künstler der ersten Stunden, Lu Ling und Li Chang Bao, die beide versuchen die Tradition in die Moderne zu übersetzen; die befreundeten Maler Ma Ding Min und Wang Jixin; der Maler Yao Jun Zhong und ein Gemälde seines Sohnes im Mao-Look mit Turnschuhen und Handy, den Insignien der Post-Mao und Deng-Ära, dessen Bilder schon einmal schwindelerregende Beträge erlösen; der humorvolle Wang Xin, dessen kleine Mönche mit der Welt spielen und versuchen sie aus den Angeln zu heben; der Maler Wang Jixin vor einer Arbeit seines Zyklus The Lost Glory, den er bereits mehrfach in Europa ausgestellt hat. Ihnen allen gemein ist ihre offene, aufgeschlossene und herzliche Art und ihr Interesse an allem Neuen.