Wang Jixin

Eine Liste der von Wang Jixin verfügbaren Bilder und Photographien finden Sie hier:
Überblick & PL_Gemälde & Photos_Wang Jixin_2013

Wang Jixin, The Lost Glory, Öl auf Leinwand, 300 cm x 600 cm, Jingdezhen 2008

Am 29. August 1966 wurde der Maler Wang Jixin in Rizhao, am Gelben Meer südlich von Qingdao, in der Provinz Shandong geboren. Als Jugendlicher zog Wang mit seinen Eltern in die Provinz Heilongjiang im Nordosten Chinas.

Wang Jixin, The Lost Glory, Öl auf Leinwand, 300 cm x 600 cm, Jingdezhen 2008

Wang Jixin, The Lost Glory, Photo, 80 cm x 40 cm, Jingdezhen 2008

Wang Jixin, The Lost Glory, Photo, 80 cm x 40 cm, Jingdezhen 2008

Von 2005 bis 2009 lebte und arbeitete Wang Jixin auch in Jingdezhen, in der Provinz Jiangxi, der ehemals kaiserlichen Porzellanmanufaktur, wo er den Niedergang der einstigen Welthauptstadt des “weißen Goldes” in seinen Bildern und unzähligen Photographien einfing. Der eindrucksvolle Zyklus “The Lost Glory” (der verlorene Ruhm) ist stummer aber ausdrucksvoller Zeuge des Niedergangs einer einst blühenden und sehr stolzen Kulturlandschaft.

2009 erhielt Wang Jixin ein Stipendium von der Landesregierung in Salzburg, verbunden mit einem Studien- und Arbeitsaufenthalt im Atelier des Landes Salzburg.

Wang Jixin lebt und arbeitet in Songzhuang, einem Künstlerdorf im Osten Pekings an der Grenze zur Nachbarprovinz Hebei

Wang Jixin – Leben in Zahlen

Wang Jixin bei der Arbeit an einem großformatigen Gemälde aus dem Zyklus The Lost Glory, Photo (GMT), Jingdezhen 2008

1966        Wang Jixin wird als Sohn eines Fabrikvorarbeiters in Rizhao in der Provinz Shandong geboren

1993-94   Studium am Institut für Ölmalerei an der Chinesischen Akademie der Feinen Künste in Peking

2006-09    Studio in Jingdezhen und Arbeiten am Projekt “The Lost Glory”

2009-11 verschiedene Stipendium der Landesregierung Salzburg verbunden mit einem mehrmonatigen Studien- und Arbeitsaufenthalten im Studio des Landes Salzburg

seit 2005 lebt und arbeitet Wang Jixin in dem Künstlerdorf Songzhuang und hält sich mehrfach im Jahr in seinen Studios in Jingdezhen  (Provinz Jiangxi) und Zhouzhuang (Provinz Jiangsu) auf

Ehrungen und Auszeichnungen

2009  Stipendium des Landes Salzburg

2008  Goldmedaille der Ausstellung junger chinesischer Künstler in Peking

Ausgewählte Ausstellungen

2010  7. Internationale Chinesisch-Koreanische Kunstausstellung in Wuzhou

2010 “Hinter dem kulturellen Horizont”, Ausstellung von Künstlern die von Südkorea eingeladen wurden, Internationales Kunstmuseum Shangshang

2009  Einzelausstellung “Wang Jixin. The Lost Glory”, Hipp Halle in Gmunden, Österreich

2009  Zeitgenössische chinesische Malerei, Holland

2009  5. Kunstfestival in Songzhuang, Peking

2009 6. Kunstausstellung “Austausch koreanischer und chinesischer Kunst”; Korea

2008  1. Ausstellung anlässlich der Nominierung junger chinesischer Künstler; Peking, China

2008  Sammelausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst im Museum für zeitgenössische Kunst in Peking, China

2008  Einzelausstellung “Wang Jixin” in der Kunstsammlung “Gui” in Taiwan

2007 “In & Out 2007”,  Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst, Peking, China

2007   Ausstellung der Internationalen chinesischen Galerie” Peking, China

2007   Art Shanghai, Sammelausstellung, Shanghai, China

2006  Erste Pekinger Ausstellung Ölgemälde in der Östlichen Kunst im Zentrum für Östliche Kunst, Peking, China

2006 “Made in Songzhuang”, Gruppenausstellung von Künstlern aus Songzhuang, Kunstmuseum Shangshang, China

2006   Internationale Kunstausstellung Guangzhou, Kanton, China

2006   9. Pekinger Internationale Kunstausstellung, Peking, China

2006 “Touching”, Zeitgenössische Chinesische Malerei 2006, Gruppenausstellung der Gruppe “Art 25 – Zeitgenösische Chinesische Malerei”, Peking, China

2006  Erste Ausstellung “Neue Motive der Chinesischen Malerei”, Shanghai, China

2006  Ausstellung der “Hanmo Kunstsammlung”, Peking, China

2006  Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Malerei in der RMCAD Galerie, Los Angeles, USA

2006  Erstes Songzhuang Kunstfestival, Peking, Beijing, China

2005   “Zeitgenössische Kunst”, Gruppenausstellung im Pekinger Zentrum für Thesen, Peking, China

1993 Skizzenausstellung der Nationalen Industrie, Chinesisches Kunstmuseum, Peking, China

1992 Bei Da Huang Skizzenausstellung, Harbin, China

1992 Shenzhen Ölgemäldeausstellung, Internationales Ausstellungszentrum, Shenzhen, China

Wang Jixin in Jingdezhen – Auf den Spuren der Geschichte

von Gerhard Thamm

Wang Jixin bei der Stoffsammlung zum Zyklus

Keramik ist ein bedeutsamer Teil der Geschichte Chinas. Älteste Spuren reichen Jahrtausende[1] zurück als sich im Neolithikum allmählich Kultur und Tradition der chinesischen Töpferkunst zu entwickeln begannen. Erste glasierte Keramik wurde in China bereits vor rund viertausend Jahren gebrannt. Die Herstellung von echtem Porzellan, also von transparenter Keramik beginnt vermutlich in der Han-Zeit vor rund zweitausend Jahren.

Als erste Blütezeit in der Porzellanherstellung gilt die Dynastie der Song (960 – 1279 n.Chr.). Seither ist auch die Stadt Jingdezhen namentlich auf ewig mit der Geschichte des Porzellans, des china[2], verbunden.  Bereits während der Han-Periode (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.) hatte sich die anfangs  Changnanzhen[3] genannte Stadt, zu einem frühen Zentrum der Keramikherstellung entwickelt. Im 5. Jahrhundert wurde hier bereits mit der Herstellung von Porzellan begonnen. Im Jahre 1004 ernannte der Hof die umtriebige Stadt zur Kaiserlichen Porzellanmanufaktur, die nun die gemäß der kaiserlichen Losung “Jingde”, Jingdezhen genannt wurde. Für ein Jahrtausend wurde von hier das berühmte weiße Gold an den kaiserlichen Hof und in die ganze Welt verschickt. Jingdezhen und China, wurden Synonyme für das Reich der Mitte.

Wang Jixin, The Lost Glory, Photo, 80 cm x 40 cm, Jingdezhen 2008

Jingdezhen hat seither einen signifikanten Einfluss auf die Kulturgeschichte Chinas, die damit gleichzeitig auch zur Industriegeschichte wurde. Wenn sich nun der chinesische Maler Wang Jixin mit der Geschichte und dem Status Jingdezhens auseinandersetzt und sie in den Bildern seines Arbeitszyklus’ “Der verlorene Ruhm”[4] inszeniert, bedeutet das wiederum, dass er sich damit auch intensiv mit der sozialen Realität und dem Einfluss auf die Sozialgeschichte des Landes sowie mit den sozialen Transformationen nach den wirtschaftlichen Umwälzungen der 80er auseinandersetzt. Für Wang Jixin steht Jingdezhen als Symbol für die Kultur und Tradition seiner Heimat und gleichsam für die sozialen Konflikte, die der seit Jahrzehnten sich vollziehende Umbruch in ein neues, modernes, schnell wachsendes und sich stark wandelndes China mit sich bringt.

Seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas ließen es die Zentralregierung in Peking wie die Provinzregierung der Jiangxi-Provinz zu, dass mehr und mehr der traditionsreichen Porzellanmanufakturen in Jingedzhen schliessen mussten. Während andernorts Industrie und Wirtschaft begannen, rapide zu wachsen und den Menschen dort neuen Wohlstand brachten, wurde hier Abertausende von Menschen mit Almosen abgespreist, vergessen und ohne Hoffnung zurück gelassen. Jingdezhen teilte mit anderen Städten und ehemals florierenden Unternehmen das Schicksal, dass Traditionsbereiche nunmehr aufgegeben und zahlreiche Betriebe geschlossen wurden, deren “Manager” nicht gelernt hatten, ihre “Unternehmen” erfolgreich in einem globalen Wettbewerbsumfeld zu positionieren. Millionen von Menschen fühlten sich plötzlich von einem vermeintlich sorgenden Parteiapparat verlassen und verraten. Auch wenn heute vereinzelt wieder Bemühungen zu spüren sind, das alte, traditionsreiche Handwerk der kunstvollen Porzellanherstellung neu zu beleben, so gilt für die überwiegende Zahl der Arbeiter, Handwerker und Künstler in der einst so blühenden Weltmetropole des Porzellans, die ihre gesamte Sozialisation ausschließlich in diesen Manufakturen und in funktionierenden Nachbarschaften durchlebt hatten, dass sie sich urplötzlich in einer enorm kritischen und scheinbar aussichtslosen Situation befanden und bis auf den heutigen Tag unter den sozialen und wirtschaftlichen Problemen dieses Wandels leiden. Für mehr als ein Jahrtausend waren sie der Stolz einer ganzen Nation, doch plötzlich ist der Glanz verblichen und der Ruhm verloren: Die ehemaligen Helden der Arbeit und Gestalter des Erfolges wurden plötzlich zu den Verlierern einer vermeintlich modernen, sich schnell verändernden Gesellschaft inmitten der Globalisierung, vergessen auf zerbrochenem Porzellan.

Jingdezhen und deshalb auch Wang Jixins Arbeiten sind der sichtbare und kraftvolle aber auch mahnende Ausdruck von Chinas Transition in eine scheinbar moderne Gesellschaft, die sich an einer freien Marktwirtschaft ausrichtet.


[1] Nach neuesten Erkenntnissen sind die ältesten Spuren chinesischer Keramik rund dreizehntausend Jahre alt und somit die ältesten der Welt.

[2] Der englische Begriff china für Porzellan existiert etwa seit rund vierhundert Jahren. Es wurde verkürzt aus dem ursprünglichen Begriff china-ware, was zunächst einfach “Waren aus China” bedeutete. Es wurde schließlich zu “china” verkürzt und findet sich seit dem 17. Jahrhundert in der Bedeutung für “duchsichtige Töpferarbeiten”, gemeint ist Porzellan. china oder chinaware ist ein Synonym für Porzellan (porcelain), bes. für sehr feines und dünnes Porzellan.

[3] Jingdezhen, Stadt der Jingde-Periode, 景德鎮市, hieß ursprünglich – bis zum Jahr 1004 – Changnanzhen昌南鎮. Andere Quellen sprechen von weiteren Namen wie Xinping(zhen) und Taoyang(zhen). “Jingde” war die Periode von 1004 bis 1007 während der Nördlichen Song-Dynastie. Der Song-Herrscher Zhao Han (andere Quellen sprechen von Sheng Zong) hatte in dieser Zeit einen Vertrauten in die neue Kaiserliche Porzellanmanufaktur geschickt, um das für die kaiserliche Familie bestimmte Porzellan zu überrüfen. Auf jedes dieser Stücke wurde der Begriff “Hergestellt in der Jingde-Periode” aufgetragen. So wurde dieses Symbol zu einer Art Gütesigel, zum Inbegriff für qualitativ hochwertiges Porzellan und aus Changnanzhen wurde nun Jingdezhen.

[4] Oder auch “der verblichene Glanz”; engl. the lost glory; chin. 逝去的辉煌.

Der verlorene Ruhm – Szenen der Verwüstung von Wang Jixin

Acht Jahre sind so rasch ins Land gezogen, geradezu auf eine wundersame Art und Weise, seit ich begann, in meinen Gemälden an verlassene und vergessene Arbeitstätte zu erinnern. Vor vielen Jahren bereits wurde der staatseigene Industriebetrieb im Tiexi-Distrikt im Nordosten Chinas geschlossen.[1] Doch auch heute noch steht er stolz und eindrucksvoll in der Landschaft. Sein Anblick und das durch ihn repräsentierte Zeitalter der Industrialisierung[2] hinterlässt einen tiefen Eindruck in mir. Ich selber fühle eine natürliche Affinität zwischen mir und diesem Ort. Aber die Giganten unserer Sozialgeschichte haben ihn geschlossen, sie haben ihm das Leben ausgehaucht, diesem rühmlichen Koloss des einstigen Fortschritts. Aber er, er steht noch immer: einsam und verlassen, kühl und majestätisch, so ernst und die Emotionen rührend!

Wang Jixin, The Lost Glory, Photo, Jingdezhen 2006

Als die dortige Industrie noch in den Kinderschuhen steckte, übte ihr Glanz und seine beeindruckende Produktivität eine große Faszination aus. Wenn ich nun aber auf seine Ruinen schaue, fühle ich mich allein im Angesicht dieses gigantischen Industriegebäudes. Da sind plötzlich Dunkelheit und Leere. Ich lausche aufmerksam. Und ich höre plötzlich die Seelen der Arbeiter, die diesen Ort einmal so lebendig machten.

Wang Jixin, The Lost Glory (Mit Hoffnung auf den Scherben der Vergangenheit), Photo, Jingdezhen 2006

Wang Jixin, The Lost Glory (Mit Hoffnung auf den Scherben der Vergangenheit), Photo, Jingdezhen 2006

Für meine eigenen Arbeiten habe ich sorgsam alle Details beobachtet, die mir von diesem einst so betriebsamen Flecken in Erinnerung geblieben sind. Ich habe in einem inneren Dialog um den richtigen Ausdruck gekämpft, damit ich die Bedeutung dieses Raumes richtig wiedergeben kann. Im selben Augenblick, in dem ich an ihn denke, fühle ich mich umzingelt, bin ich gefangen in jenem Zeitgeist. Nach so vielen Jahren. Und da erwacht plötzlich ein Idealismus in mir, den ich so gerne festhalten möchte. Ich frage mich, ob ich nach so vielen Jahren den ehemaligen Helden, den Gefangenen ihrer Zeit und ihrer Ideale, noch heute ein Denkmal setzen kann. Die Zeit hat sie dahin gerafft. Zeit schreitet unerbittlich und unaufhaltsam weiter. Doch ungeachtet dessen möchte ich dem Geist jener Tage wieder Leben einhauchen, möchte dass jener Zeitgeist Gestalt annimmt, der in der vorstellbarsten Art und Weise die Stärke und die Würde jedes einzelnen Menschen vermittelt. Das ist es, was ich in meinen Arbeiten einfangen und wiederspiegeln möchte, diese Kraft in meinen Bildern festzuhalten. Es überkommt mich ein Gefühl als schwebte ich hoch oben in den Wolken und das mir mit dunkler, tiefer Stimme jemand zuflüsterte, ein Gefühl, das mir erlaubt, mich intensiv und weitläufig auf diesen Ort einzulassen.

Durch meine Arbeit seit 2003 habe ich nunmehr einen Punkt erreicht, wo ich Orte wie diesen und wie Jingdezhen[3] besser verstehe, wo ich in den Überresten dieser einstigen Industriegiganten das vergangene Leben spüre. Ja, auch hier in Jingdezhen stehen nur mehr die Säulen leb- und regungslos als mahnende Zeitzeugen, ebenso wie die alten Brennöfen, die Schlote und die in den Himmel wachsenden Schornsteine der einstigen kaiserlichen Porzellanmanufaktur. Übrig geblieben sind riesige Scherbenhaufen zebrochener Porzellanschalen, gigantische Stapel alter, eigentlich langweilig anzublickender Teller. Und trotzdem, die Stimmen dieser Szenen und die Gefühle im Angesicht dieser Orte spiegeln sich tief in meiner Seele, unaufhörlich. Ich fühle mich aber weder befangen, noch eingeschränkt oder bedroht angesichts dieser Strukturen und der mit Staub bedeckten, einsamen Leere. Stattdessen bricht sich tänzelnd das Licht durch das gigantische Dach, das die Hoffnung und den Glauben an die Zukunft nährt.

Als Maler bin ich ständig auf der Suche nach der Verbindung zwischen den Gegenständen meiner Arbeit und meiner Seele. Und dabei täuschen mich meine innersten Gefühle nicht. Die Wahrheit reicht immer weit tiefer als die sichtbare Realität an der Oberfläche, die uns meist nur ein Gesicht zeigt.

Inspiriert durch meine eigenen Erlebnisse und Beobachtungen, durch die Erinnerung an meine Kindheit, meinen Vater und seine Generation, begann ich 2003 an meinem Zyklus “der verlorene Ruhm”[4] zu arbeiten. Ich erinnere mich an ihren Eifer, an ihren Enthusiasmus, an eine erfolgreiche Zukunft zu glauben und für sie zu kämpfen. Gleichzeitig fühle ich aber eine gewisse Traurigkeit angesichts der vergeblichen Mühen von Abertausenden von Menschen. Und auch eine Traurigkeit angesichts des blinden Vertrauens in die kommunistischen Ideale. Ich wünschte, ich könnte die Hoffnungslosigkeit und Resignation der Zurückgelassenen zerstreuen und den Mythos und die Stimmung der Menschen jener Zeit zerschlagen. Aber andererseits möchte ich mir die langsam verblassende Stimmung jener industriellen Bewegung auch als eine Art Sprungbrett für eine wesentlich bessere Zukunft zunutze machen. Das ist möglich wenn wir uns die Lebendigkeit und Energie und die positive Einstellung unserer Eltern in Erinnerung rufen. Ich selber fühle mich dem gleichen Schicksal ausgesetzt; vielleicht sind es auch die gleichen Gefühle jener Tage, die in mir sind, wenn ich versuche, die vergangenen Szenen wieder lebendig werden zu lassen.

Wang Jixin, jahrhundertealte Porzellanmaufakturen, die heute als nationale Kulturdenkmäler wiederentdeckt werden, Photo, Jingdezhen 2009

Jingdezhen galt einst als nationales Modell einer staatlichen Industrie. Es war typisch für das landesweite Bemühen, die Nation endlich wieder nach vorne zu befördern. Doch die Geschichte dieses Kulturmonumentes reicht weit über diese Phase der Industrialisierung hinaus.[5] Kultur und Tradition der Keramik und des Porzellans reichen zweitausend Jahre zurück.[6] Und nun, nun sind die Feuer in den Brennöfen der einst berühmtesten Manufakturen erloschen, langsam begraben unter den Scherben und dem Staub der Geschichte. Die größten und bedeutendsten staatseigenen Porzellanbetriebe wurden geschlossen. Abertausende von Arbeitern verloren ihre Existenz, abgespeist mit Almosen, die meisten ohne jede Hoffnung. Zurück blieben zerbrochenes Porzellan und leere Fabrikhallen. Aber das Bild trügt. Trotz dieser dramatischen Szenen: Die Jahrhunderte alte Tradition der Porzellanherstellung, nicht die protzige Porzellanindustrie, sondern die feine Kunst des weißen Goldes, ist immer noch lebendig. Allerdings befindet sich Jingdezhen nunmehr in einer völlig neuen Lage, nachdem in den 80er Jahren ein tiefgreifender wirtschaftlicher Wandel eingesetzt hatte, der auch zu einer dramatischen sozialen Transformation führte. Die alten Fabriken, sie stehen für eine Arroganz von Menschen, die blind und rücksichtslos an die Vorteile von Massenproduktion glaubten. Die feine Kunst der Porzellanherstellung ist jedoch weniger eine Sache schierer Quantität als vielmehr von hoher Qualität. Und während die alten Industriekapitäne nun das Feld räumen, besteht das Publikum dieses Dramas aus Gästen, die zu spät erschienen sind, um noch den Akt der Massenproduktion des china[7] mitzuerleben. Stattdessen spüren wir und sind Zeugen von Bemühungen, die chinesische Töpferkunst,[8] die China in der ganzen Welt so berühmt gemacht haben, neu entstehen zu lassen. Und die verbliebenen Relikte der Porzellanindustrie? In wenigen Jahren werden auch sie von der Bildfläche verschwunden sein, begraben unter dem chinesischen Umbauwahn dieser Tage: China – china !

Die noch bestehenden Szenen in Jingdezhen verstehe ich als Teil einer Tragödie, die ich mit meinen künstlerischen Ausdrucksmitteln detailgetreu und realitätsnah der Nachwelt erhalten möchte. Gerne möchte ich den verlorenen Ruhm monumentalisieren, auf den sich langsam der Staub der Zeit legt.


[1] Diese und die folgenden Fußnoten sind Ergänzungen des Übersetzers, die hoffentlich zu einem besseren Verrständnis des Textes beitragen:

Gemeint sind hier die im Nordosten Chinas gelegenen Provinzen Heilongjian und Liaoning mit ihren Metropolen Harbin und Shenyang, die bis in die 70er Jahre einen sehr wichtigen Teil der chinesischen Wirtschafts- und Industrieinfrastruktur darstellten und einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Volkes beitragen sollten. In einem dieser zahlreichen volkseigenen Betriebe engagierte sich Wang Jixins Vater mit viel Hingabe und Enthusiasmus und mit einem tiefen Glauben an die kommunistischen Ideale in der noch jungen Volksrepublik. Als Vorarbeiter leistete er so seinen Kommunardenbeitrag und verdiente in einem stahlverarbeitenden Kombinat den Unterhalt für die Familie. Doch mit dem von Deng Xiaoping (“Es ist egal ob die Katze weiß der schwarz ist, solange sie die Mäsue fängt, ist sie eine gute Katze”, Deng während einer Rede in den 60er Jahren) eingeleiteten Wandel und der darauf folgenden Öffnung des Landes und der zunehmenden Globalisierung begann eine tiefgreifende Veränderung. Plötzlich entwickelte sich neben der kommunistisch geführten Planwirtschaft eine “Art” von Marktwirtschaft. Und die staatseigenen Betriebe? Sie waren nicht in der Lage, sich den rasch verändernden Bedingungen eines Wettbewerbumfeldes anzupassen. Ein Kombinat nach dem anderen wurde geschlossen, und die Arbeiter wurden mit Almosen und ohne Perspektive nach Hause geschickt, ein Schicksal, das auch Jixins Vater mit Tausenden von Arbeitern seines staatseigenen eisenverarbeitenden Betriebes im nordöstlichen Tiexi-Distrikt (Shenyang) teilte. Zurück blieb eine Landschaft mit verlassenen Industrieanlagen, die langsam vom Staub der Zeit überdeckt wurde.

[2] Gemeint ist aber auch die kommunistische Planwirtschaft.

[3] Jingdezhen ist eine Stadt in der Provinz Jinagxi rund 400 km südwestlich von Shanghai. Jingdezhen galt nahezu ein Jahrtausend lang als die Metropole des Porzellans, von der aus der Kaiserhof und die ganze Welt mit Porzellan beliefert wurden.

[4] Oder auch “der verblichene Glanz”; engl. the lost glory; chin. 逝去的辉煌.

[5] Gemeint ist hier besonders die Zeit der Massenproduktion von Porzellan.

[6] Die Ursprünge der Kermaik reichen bis in die frühen Reiche des imperialen China der Xin- unf Han-Dynastien zurück.

[7] china manchmal auch chinaware ist der engl. Begriff bzw. ein Synonym für Porzellan (porcelain), bes. für feines Porzellan.

[8] Gemeint sind hier die kunstvollen Porzellanarbeiten vergangener Zeiten, nicht die Massenproduktion der Volksrepublik.