Chinesische Teekultur – Chronik Teil 2

Chinesische Teekultur – Chronik Teil 2
Version 3.2, 10 Oktober 2012

Von der Tang-Dynastie bis zum Ende der Fünf Dynastien – Die Schule des gesalzenen Tees

Das Aufkommen des Zhen-Buddhismus und das Erscheinen des Teeklassikers befördern eine immer größere Akzeptanz des Tees und lassen die Zeit als die „Klassik des Tees“ erscheinen. Die Tang-Dynastie selber war nicht nur das Goldene Zeitalter der chinesischen Kultur (Zeit der politischen Gefolgschaft und Herrschaftssicherung) – galt doch die damalige Hauptstadt Chang’an, das heutige Xian in der Provinz Shaanxi als die Kulturhauptstadt des ganzen ostasiatischen Raumes – sie gilt auch als die vielleicht entscheidende Phase in der Entwicklung der Teekultur in China und Japan. Wesentlich dazu beigetragen haben zwei wichtige Ereignisse die beide mit der Person des „Teegottes“ Lù Yǔ zu tun haben.

Doch bereits zuvor, während der Kaiyuan-Periode schrieb der Tang-Gelehrte Feng Yan in seinem Feng Shi Jian Wen Lu (Dinge, die Feng gesehen oder von denen er gehört hat) über einen Mönch,  der mit dem Studium und der Verehrung des Chan-Buddhismus im Lingyan-Tempel am Berg Taishan Tag und Nacht beschäftigt war, dass dieser nicht schlief und nicht aß, und dass er lediglich Tee zu sich nahm. Die Geschichte verbreitete sich in der Bevölkerung, die daraufhin annahm, dass etwas Besonderes an diesem Getränk sein müsse.

Lù Yǔ (陆羽, 733-804) wurde im Alter von 3 Jahren von seinen unbekannten Eltern in Jingling, dem heutigen Tianmen in der Provinz Hubei, ausgesetzt. Er wurde von einem buddhistischen Mönch Zou Fu Zi unter einer Brücke gefunden und in dessen Kloster „Drachenwolken“ in Jingling aufgenommen. Dort machte er seine erste Bekanntschaft mit dem Tee. Als Zwölfjähriger flüchtete Lu Yu aus dem Kloster und schlug sich als Komödiant und Zirkusclown durch. Als Lu Yu 14 Jahre alt war gestattete ihm der Lokalpräfekt Li Qi Wu, die Bibliothek zu benutzen und mit einem Lehrer zu lernen. Später, während der An Lu Shan-Rebellion[12] flüchtete Lu Yu erneut, diesmal nach Shao Qi (das heutige Wuying in der Provinz Zhejiang), wo er einige Literaten-Freunde kennenlernte, u.a. den Kalligraphen Yan Zhen Qing und den Dichter Huang Pu Zhen. Zu jener Zeit begann Lu Yu, Forschungen über den Tee anzustellen und an seinem Meisterwerk, dem Chá chīng zu arbeiten. Um 764 fertigte er die erste Version seines Buchs über den Tee an. Nach mehreren Überarbeitungen wurde es im Jahre 780 veröffentlicht. In zehn Kapiteln fasst Lu Yu sein Wissen über die Herkunft und Geschichte, die Produktion und Zubereitung samt Zubehör sowie über Teequalitäten und Trinksitten zusammen. Mit Veröffentlichung dieses Klassikers war der Weg endgültig geebnet, und es entwickelte sich nachhaltig eine chinesische Teekultur, wobei seine Gedanken und Ideen in den kommenden Jahrhunderten in vielen Werken über die Teekultur von berühmten Gelehrten, Schriftstellern und auch Herrschern weiter entwickelt wurden.

Das Chá chīng ( Das Klassische Buch vom Tee)[13] ist die erste fachliche Abhandlung über den Tee überhaupt. Es ist in zehn Kapitel unterteilt und behandelt unter anderem Themen wie Ursprung der Teepflanze, Herstellungsverfahren, Methoden und Utensilien zum Teekochen und Anbau-Gebiete. Es enthält außerdem eine fast komplette Sammlung von historischen Texten, die sich bis dato mit dem Tee beschäftigten.

Vor der Tang-Zeit gab es, wie zuvor bereits erwähnt, in der chinesischen Sprache  verschiedene Schriftzeichen für den Begriff „Tee“. Das am häufigsten verwendete Zeichen war tu. Allerdings war tu eigentlich die Bezeichnung bitter schmeckender Gemüse oder für das, was noch heute damit gemeint ist, nämlich der Bittertee. Vermutlich wegen einer geschmacklichen Ähnlichkeit – und vielleicht auch der äußeren Ähnlichkeit – wurde das Zeichen aber auch für Teeblätter verwendet. Nun wurde der untere Teil des Zeichens tu, das Zeichen he, durch das Zeichen mu (Holz) ersetzt, was darauf hinweisen soll, dass die Teeblätter auf einem „Holz“stamm wachsen. Dieses neue Zeichen chá wurde von nun an in allen inoffiziellen Texten anstelle von tu verwendet. Als Lu Yu sein Buch schrieb, wählte er die Variante chá als die Bezeichnung sowohl für die Teepflanze selbst als auch für den Tee als Getränk.

Das Buch von Lu Yu erreichte einen so großen Einfluss zu seiner Zeit und danach, dass nicht nur seine Schreibweise allgemein akzeptiert wurde, vielmehr galt er hernach den Chinesen als Tee-Heiliger. Die Bedeutung Lu Yus und seines Meisterwerkes ragen weit über seine wissenschaftliche Bedeutung hinaus, er wurde eine Ikone, ein tang-zeitliche Popfigur oder Superstar der Teegeschichte, und er verlieh dem Teetrinken endgültig eine kulturelle Aura.

Zwar wurde auch schon Jahrhunderte vor Lu Yu Tee getrunken, doch erst jetzt rückte die Ästhetik des Teetrinkens in den Mittelpunkt, und von nun an war die Teekultur tatsächlich nicht mehr von der chinesischen Kultur zu trennen.

Neben der Bedeutung des Tees an sich, entwickelten sich nun bestimmte Riten und vor allen Dingen unzählige Accessoires, die für den richtigen Genuss des Tees unablässig waren. In seinem Buch beschrieb Lu Yu nicht nur die besten Anbauregionen[14], wo man das beste Teewasser fand und wie man es kochen sollte. Er machte sich auch Gedanken darüber, welche Farben die Teeschalen vorzugsweise haben sollten und mit welcher Farbe der Teeaufguss ideal harmonierte.

Das Buch Lu Yus war allerdings nur einer der Gründe, warum in der Tang-Zeit der Tee gerade unter den Intellektuellen so beliebt wurde. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass die Entwicklung der Teekultur in China eng mit der Entwicklung und Verbreitung des Buddhismus verknüpft ist. Der Buddhismus gelangte von Indien bereits im ersten Jahrhundert während der Östlichen Han-Dynastie (25-220) nach China[15]. Aber erst die neuerliche Reichseinigung während der Sui-Dynastie (581-618) und eine unglaubliche Ausdehnung des Reiches und einer prosperierenden Wirtschaft während der Tang-Dynastie förderten eine schnelle Verbreitung des Buddhismus im ganzen Reich. Zur Zeit der Kaiserin Wǔ Zhào (武曌) wurde der Buddhismus sogar zur Staatsreligion ernannt[16]. In der Folgezeit explodiert förmlich die Zahl der Klöster und Mönche im ganzen Reich.

Aber zurück zum Tee: Der natürliche und herbe Geschmack des einfachen Tees verkörperte das schlichte, bescheidene Leben der Mönche im Kloster auf geradezu ideale Weise. So wurden die Mönche zu regelmäßigen Teetrinkern in der Tang-Zeit, und die gemeinsame Teezeremonie wurde ein fester Bestandteil ihres Klosterlebens. Hinzu kam, dass den Mönchen der Tee als ein äußerst bewährtes Mittel zur inneren Sammlung galt, und sie als wichtiges geistiges Stimulans während ihrer stundenlangen Meditationssitzungen wach hielt.

Viele bekannte Intellektuelle und Literaten der Tang-Dynastie standen ihrerseits dem Buddhismus sehr nahe, besonders dem sehr spirituellen Zen oder Chan (Sammlung des Geistes), der in China praktizierten Form des Buddhismus. So ist es nicht verwunderlich, dass auch sie zunehmend das Teetrinken als Teil des vorbildlichen Lebensstils der buddhistischen Mönche übernahmen.

In der Betrachtung der Geschichte des Tees ist das Erscheinen von Lu Yus Cha Ching auch insofern relevant und gilt als Wendepunkt, weil von nun an nicht mehr die Verarbeitung des Tees im Mittelpunkt steht. Vielmehr geht es künftig um das Teetrinken selber, um die Prozedur, die Teezeremonie, um das Genießen des Tees und der Teeaccessoires, die möglichst harmonisch aufeinander abgestimmt werden. Und diese neue Teekunst wiederum steht von nun an untrennbar in einem sozialen und philosophisch-kulturellen Zusammenhang und Kontext mit der chinesischen Kultur- und Sozialgeschichte.

Gleichsam mit der schnell wachsenden Zahl an Teetrinkern entstand  natürlich zwangsläufig eine Art von Tee-Wirtschaft, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Teeplantagen gab es im südöstlichen und im süd-westlichen Reich sowie entlang des ganzen Einzugsgebietes des Jangtsekiang (Langer Fluss). Zu den berühmtesten Anbaugebieten gehörten besonders die heutigen Provinzen Zhejiang und Jiangsu. Durch den um 610 vollendeten Jīng Háng Dà Yùnhé (Großer Kanal oder auch „Kaiser-Kanal“) wurden endlich auch der Jangtse und der Huáng Hé (Gelber Fluss) miteinander verbunden, wodurch der Tee aus jenen bevorzugten Anbaugebieten nun schnell zum kaiserlichen Hof in Chang’an, dem heutigen Xi’an, transportiert werden konnte.

Südwestchina, die Heimat des Tees, hatte mittlerweile an Bedeutung verloren, was wohl nicht zuletzt durch die abseitige Lage begründet war. Andererseits hatten das Klima und die naturräumlichen Verhältnisse in östlicheren Landesteilen zu einer raschen Verbreitung der Teeplantagen geführt. Da es während der Tang-Dynastie relativ warm war, hatten sich diese sogar nördlich des Jangtse verbreitet.

Dieses ganze Wachstum, mochte besonderes den Kaiserpalast erfreuen, der bald eine Teesteuer für den Anbau des Tees erhob, die dadurch beitragen sollte, die klammen Staatsfinanzen zu sanieren.

Zur Zeit Lu Yus, nämlich im Jahre 770, wurde am Kaiserhof in Chang’an auch das Tee-Amt eingeführt, dass für die Lieferung des Tributtees sowie für den Teekonsum bei Hofe verantwortlich zeichnete.

Bezüglich der Verarbeitung des Tees blieb es in jener Zeit zwar noch beim gepressten Tee in Form von Teekuchen, doch wurde in dieser Zeit des Tee“kochens“ (zhu cha) die Technik der Teeherstellung und die Teezubereitung verfeinert, die natürlich auch bei Lu Yu beschrieben werden: „Die frisch gepflückten Teeblätter werden gedämpft und ihr Saft ausgepresst. Sie werden zu Kuchen geformt, in der Sonne oder im Ofen getrocknet und in Papier verpackt solange sie noch warm waren, damit der Duft erhalten bleibt. Nach dem Abkühlen werden sie zu feinem Pulver zerrieben. Wenn das Wasser zu kochen beginnt und Blasen „wie Fischaugen“ auftauchen, wird eine Prise Salz für den Geschmack hinzugefügt. Sobald sich die Blasen „aneinander reihten wie Perlen einer Kette“, wird ein Schöpflöffel Wasser zum späteren Gebrauch aus dem Kessel genommen. Das kochende Wasser wird mit einem Paar Bambusstäbchen in einer kreisförmigen Bewegung gerührt und das Teepulver mitten hinein gegeben. Sobald das Wasser aufkocht und ein Geräusch wie „trommelnde Wellen“ macht, wird das zuvor abgeschöpfte Wasser in den Kessel zurückgegeben, um die Temperatur zu senken und das Kochen zu beenden. Wenn auf der Oberfläche Schaum erscheint, wird der Tee in Becher gefüllt und serviert.“[17]

Übrigens nahm Lu Yu an, der Tee wachse am besten auf verwittertem paläozoischen Gesteinen, Sandstein und Schiefer. Heute wissen wir allerdings, dass Tee am besten auf leicht sauren Böden (pH-Wert zwischen 4,5 und 6,5) mit rötlicher oder gelber Farbe gedeihen.

In der Tang-Zeit wurde Tee in 43 Präfekturen in acht verschiedenen Teeanbaugebieten kultiviert: Shannan, Huainan, Zhexi, Jiannan, Zhedong, Qianzhong, Jiangnan und Lingnan. Im Kreis Changxing in der Provinz Zhejiang wurde ein exklusiver Teegarten für den Hof betrieben, in dem der berühmteste Tee seiner Zeit, der Guzhu Purpurne Bambussprossen, angebaut wurde.

Der Tang-Kaiser Sù zōng (肅宗, 756-762) kam an die Macht als sein Vater, Kaiser Xuanzong, zu Beginn des bereits erwähnten An Lu Shan-Aufstandes abdankte und nach Sichuan floh. Seine gesamte Amtszeit über war Suzong damit beschäftigt, einen der blutigsten Aufstände der chinesischen Geschichte niederzuschlagen.  Da man für die Aufrechterhaltung der militärischen Stärke dringend Pferde benötigte, begann man Pferde gegen Tee zu tauschen, zunächst mit den Uyguren (damals Huihu genannt), später auch mit anderen Volksgruppen im Westen des Reiches. Durch diesen Aufstand waren natürlich die Staatskassen leer. Deshalb begann man unter Kaiser Dezong (779-805) erneut, den immer beliebter werdenden Tee zu besteuern.[18]

Zu Zeit der Tang entwickelten sich auch die Teeutensilien enorm weiter und Lu Yu beschrieb bereits ein lange Liste mit Teeutensilien seiner Zeit. Wegen der zunehmenden Popularität des Tees ist es so auch nicht verwunderlich, dass zu jener Zeit Porzellanöfen überall in China aus dem Boden sprießen, und immer neue Formen von Teeutensilien entstanden.

804 kam der japanische Mönch Saicho nach China, um den Zen-Buddhismus im Guoqing Temple am Berg Tiantai in der Provinz Zhejiang zu studieren. Er soll Samen mit nach Japan zurückgenommen haben. Ein anderer Mönch kam zum Studium nach Changan (das heutige Xian). Er hat nicht nur Samen mitgenommen, vielmehr hat er gleich auch noch das Wissen um die Teeherstellung nach Japan exportiert. In den kommenden zwei Jahrhundert wurde der Tee in Japan jedoch wieder in Vergessenheit geraten und erst wieder durch den Mönch Esai eingeführt (siehe unten).

Von der Dynastie der Song bis zu den Mongolen – Die Schule der geschäumten Jade

Während der vorangehenden Epoche begannen auch die nomadisierenden Völker im Norden und Westen Tee zu trinken. Bis zum Beginn der Song im 10. Jahrhundert hatte sich auch dort die Sitte des Teetrinkens fest etabliert. Dieses führte in der Folge zu einem regen Handel, in dem sie ihre berühmten Pferde gegen Tee eintauschten. Parallel zur Seidenstraße entwickelte sich später die nach Westen führende berühmte Alte Tee-Pferde-Straße (cha ma gu dao 茶馬古道)[19]. Um Jahre 1074 schließlich wurde ein Amt eingerichtet, das sich mit dem Tauschhandel beschäftigte, die Agentur für Tee und Pferde. Dieses wirtschaftlich sehr bedeutsame Amt wurde dezentral bei den Lokalregierungen und Präfekten eingerichtet. Das Bartergeschäft wurde in China bis ins 18. Jahrhundert hinein betrieben als das Interesse und der Bedarf an Pferden allmählich „erlahmte“. Im 13. Jahrhundert kamen auf diesem Weg mehr als 25.000 Pferde nach China: eine Menge Tee, die dafür auf der dreißig Tage dauernden Reise über die Tee-Pferde-Straße auf Eseln nach Westen geliefert wurden.

Und noch eine weitere Einrichtung während der Song-Dynastie spielte eine bedeutende fiskalische Rolle: Im Jahre 1073 oder 1074, zur Zeit der Nördlichen Song (960-1126), wurde vom ersten Song-Kaiser Tài Zǔ (regierte 960-976, 太祖, besonders auch gemäß seiner Devise als Jiàn Lóng bekannt) eine Teesteuer, eine Art von Luxussteuer, eingeführt. Dies wurde später während der Ming-Dynastie (1368-1644) reduziert und durch die Qing-Kaiser (1644-1911) schrittweise ganz abgesetzt, da man geneigt war anzuerkennen, dass der Tee für alle Untertanen wichtig sei und deshalb steuerfrei sein müsste.[20]

Wir erwähnten bereits, dass die wachsende Popularität des Buddhismus immer mehr Gläubige in die Kloster lockten. Den Zen-Buddhisten galt der Tee als das reinste und nobelste Getränk, die das Teetrinken als einen Teil ihrer täglichen Meditation ansahen und als Lebensstil pflegten. Auch gingen die Klöster zunehmend dazu über, selber Tee zu kultivieren. In diesem Zusammenhang werden häufig die Mönche Qi Yi und Fa Qin genannt. Letzterer soll in dem von ihm gegründeten Jingshan Tempel, dem ersten buddhistischen Tempel in Jiangnan (Provinzen Zhejiang und Jiangsu) mehrere Teesträucher gepflanzt haben.

Dieser Trend wurde zudem verstärkt durch immer mehr Bücher und Texte über den Tee oder Gedichte wie eines der bekanntesten Gedicht Sū Shì (vor allem als Sū Dōngpō bekannt, 苏东坡, 1037-1101), in dem es heißt, „feinster Tee werde immer in einem Atemzug mit dem Bild einer schönen Frau bezeichnet“. Von ihm soll auch die Aussage stammen, dass der beste Tee eine weiße Farbe habe (gemeint ist sicherlich der Schaum auf den geschlagenen Tees) während die beste Tinte schwarz sei. Auch die Himmelssöhne selber hatten eine besondere Zuneigung zum Tee und befassten sich eingehend mit diesem besonderen Kult-Getränk. Allen voran war es Kaiser Huizong (Huī Zōng (徽宗), 1100-1126, auch Hui Tsung geschrieben), der selber eine Teemonographie verfasste, der im Jahre 1107 erschienene und vielbeachtete ga guan cha lun (大观茶论, Abriss oder Abhandlung über den Tee).

Die Song-Dynastie war eine wirtschaftlich wie kulturell durchaus prosperierende Phase der chinesischen Geschichte. Das Reich wurde vorübergehend wieder geeint, es gab zahlreiche Erfindungen und Technologieverbesserungen. Alles das führte zur Entwicklung neuer Industrie- und Handelszentren. Während es bereits in der Tang-Zeit vereinzelt Geschäfte gab, die Tee als Getränk feilboten, entstanden in der jetzt einsetzenden Urbanisierung neben unzähligen Gasthäusern und Theatern die ersten Teehäuser. Diese entwickelten sich bald zu „Institutionen“, die von manchen als Zerrspiegel der chinesischen Gesellschaft gesehen werden. Im Teehaus zelebrierte  der Tee-Zeremonien-Meister, auch „Teedoktor“ genannt, der bald eine besondere gesellschaftliche Stellung einnahm. Es entstanden sogar unterschiedliche Formen von Teehäusern, die sich dezidiert bestimmten Zielgruppen verschrieben. Es gab die Literatenteehäuser für Intellektuelle, geschmückt mit Kalligraphien, Malereien und Blumen, es gab mehr einfach ausgestattete, multifunktionale Teehäuser für das gemeine Volk. Hier traten Straßenkünstler auf, man traf sich zum Austausch der neuesten Geschichten, hier wurden Streitigkeiten geschlichtet, Geschäfte wurde verhandelt und Verträge besiegelt, und sogar Prostituierte boten ihre Dienste an.

Da das Klima der Song-Dynastie war um einiges kälter als das in der Tang-Zeit:[21] Dadurch kam es auch zu einer deutlichen Verschiebung der Anbauregionen weiter nach Süden. Der beste Tee kam nun aus den südöstlichsten Regionen im Bereich der heutigen Küstenprovinz Fujian, die bis heute als bedeutende Anbauregion gilt und zahlreiche exquisite Teesorten hervorgebracht hat. In jener Zeit wurden auch zahlreiche Teegärten angelegt, etwa der Teegarten von Bei Yuan in Jiang Zhou in der Provinz Fujian. Der imperiale Teegarten von Bei Yuan existierte nahezu 500 Jahre, wurde aber eingestellt als die Ming-Kaiser (1368-1644) allmählich zum losen Tee übergingen und die Produktion der Teekuchen, auf die man in Bei Yuan spezialisiert war, eingestellt wurde. Der von dort stammende Drache-Phoenix Teekuchen (Long Fong Tuan Cha) war möglicherweise der Vorläufer des heutigen Oolong. Cai Xiang (1012-1067, berühmte Kalligraph der Nördlichen Song-Dynastie, war verrückt nach Tee. In seinem offiziellen Amt als Beamter war er zuständig für Finanzen und Transport in Fujian. In diesen Eigenschaften beaufsichtigte er auch die Teegärten von Bei Yuan, in denen der Tributtee für den Hof angebaut wurde. Cai Xiang war der Verfasser des Cha Lu (Aufzeichnungen über den Tee), in denen er über das dian cha, die Zubereitung des Tees seiner Zeit berichtet sowie über die Teeutensilien, die man dazu benötigte.

Zwar wurde Tee auch weiterhin zu gepressten Teekuchen verarbeitet, doch wurde mehr und mehr loser Blatttee hergestellt, da die Zubereitung mit dem Teekuchen zu umständlich und nicht mehr zeitgemäß war. Verständlich in einer Zeit, in der Tee sich mehr und mehr zum Volksgetränk Nummer eins entwickelte, und die Herstellung von losen Tees erheblich einfacher, effektiver und kostengünstiger war. Übrigens gab es lose Tees schon in der Tang-Dynastie, da sie bereits in Lu Yus Cha Ching erwähnt wurden. Am Ende der Song-Zeit schließlich übertraf die Produktion der losen Tees die der gepressten Teeformen. Im Nong Shu (農書, Buch der Landwirtschaft Wáng Zhēn (王祯, 1290-1333), einer erstmals 1313 erschienen landwirtschaftlichen Abhandlung bzw. Enzyklopädie, wurde die Herstellung gepressten Tee nur kurz erwähnt, während die Herstellung loser Blatttees ausführlich beschrieben wurde.

Dabei wurden die gepressten Teeformen im doppelten Sinne zu einer Randerscheinung.  Wirtschaftlich spielten sie keine bedeutende Rolle mehr und auch im geographischen Hinsicht wurden sie mehr und mehr an den Rand gedrängt, denn die bedeutendsten Abnehmer der Teekuchen und Teeziegel waren die Randvölker des Chinesischen Reichs und die westlichen Nachbarn, meistens Nomaden oder Halbnomaden der mittelasiatischen Hochebenen, die den begehrten Tee aus ernährungsphysiologischen Gründen benötigten und ihn gegen Pferde eintauschten (siehe oben).

Bereits in der Tang-Dynastie wurde Tee ein äußerst geschätztes Getränk der Intellektuellen, eine Entwicklung, die sich in der Song-Dynastie noch verstärkte. Tee wurde unter den Literati noch beliebter, und viele schworen dem Wein nunmehr gänzlich ab. Sie trafen sich bei regelmäßigen Zusammenkünften, um über die besten Tees und ihre Vorzüge, über seine Zubereitung und schöne Teeaccessoires zu disputieren oder philosophieren und um sich neue Gedichte und Geschichten rund um den Tee auszudenken. Dazu passend diese amüsanten um 1150 entstanden Zeilen des Gelehrten und Teemeisters Li Chi Lai

Drei Dinge auf dieser Welt sind höchst beklagenswert:
das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung,
das Schänden bester Bilder durch gemeines Begaffen und
die Verschwendung besten Tees durch unsachgemäße Behandlung.
(Li Chi Lai, ca. 1150) [22]

Aus dem akademisch-intellektuelle Vergnügen unter den Gelehrten der Song-Dynastie[23], das aus dem normalen Teetrinken entstand, entwickelten sich allmählich die sogenannten Teewettbewerbe, in einer Zeit als die verschiedenen Anbauregionen um die Gunst des Kaisers warben. In einem Wettkampf ließ der Kaiser die besten Tees ermitteln. Dazu wurde von einem Teekuchen ein kleines Stück abgebrochen, zu Pulver gemahlen und in eine spezielle Porzellanschale gegeben. Auf das Teepulver wurde eine kleine Menge kochendes Wasser geschüttet und mit einem kleinen Besen aus Bambus zu einer dicklichen Masse geschlagen. Es wurde mehr heißes Wasser dazu gegossen und weiter gerührt bis die Schale halb voll war. Der Tee entwickelte einen dichten, starken Schaum, der entscheiden für den Teewettkampfes war. Der Teeschaum sollte eine frische, weißlich-grüne Farbe haben, weshalb übrigens auch schwarze Teeschalen aus Porzellan sehr beliebt waren, die die weiße Farbe des Schaums am besten zur Geltung brachten. Idealerweise war der ganze Aufguss von einer am Schalenrand haftenden Schaumkrone bedeckt. Je länger sich dieser Schaum hielt, desto besser war der Tee. Übrigens nennt man deshalb diese Periode der Geschichte der chinesischen Teekultur „Die Schule der schäumenden Jade“.

Viele berühmte Schriftsteller haben die Teewettbewerbe in ihren Schriften verewigt. Das berühmteste Stück Zeitliteratur ist Fan Zhongyans (989-1052) „Antwort auf Zhang Mings Ode über die Teewettbewerbe“ (Dou Cha Ge, Das Lied auf die Teewettbewerbe).[24]  Erwähnenswert ist auch das bekannte und sehr lebendige Gemälde „Teewettbewerb“ des berühmten Malers Zhao Mengfu aus der Yuan-Zeit (1279-1368).

Fühlen Sie sich nun an die japanische Teezeremonie cha no yu erinnert? Da liegen Sie nicht so verkehrt, denn hier liegen die Ursprünge der chinesischen Teezeremonie: Der japanische Mönch Myoan Eisai (1141-1215, häufig als Eisai Zenji, Zen-Meister Eisai, bezeichnet) kam zweimal nach China (1168 und 1187), um den Zen-Buddhismus zu studieren. Dabei lernte er zwangsläufig den Tee kennen und schätzen. Im Jahre 1191 nahm er bei seiner Rückkehr Samen mit nach Japan, wo Tee mittlerweile wieder in Vergessenheit geraten war.  Sein Wissen um die Teekultur beschrieb Esai in seinem Werk „Trinke Tee und bleibe gesund. Es war die erste japanische Monographie über Tee, die die Grundlage des cha do, der japanischen Teekunst, bildete, aus der sich in den folgenden drei Jahrhunderten das heute noch zelebrierte cha no yo, die japanischen Teezeremonie entwickelte.

Die Teewettbewerbe hatten besonderen Einfluss auf Teekultur, einerseits weil dadurch die Zubereitungsmethoden nicht nur bei den Wettbewerbsteilnehmern verfeinert wurden, andererseits weil sie wachsende Anforderungen an Teeutensilien stellten, besonders an die Teeschalen.

Erst kurz zuvor war das Porzellan in Changnanzhen entdeckt worden. Unter der Regentschaft des Herrschers Jingde wurde die Stadt, die nun Jingdezhen genannt wurde, für rund eintausend Jahre zur unumstrittenen Weltmetropole des weißen Goldes, des china, wie es später im Englischen genannt wurde[25]. Tonkannen wie etwa Yixing-Teekannen wurde übrigens erst seit dem 15. Jahrhundert in größerem Umfange hergestellt.

Durch den Wechsel vom jian cha, des Kochens des Tees, zur Methode des dian cha, in der der Tee schaumig geschlagen wird, waren natürlich auch neue Teeutensilien erforderlich, unter denen das tang ping (wörtlich Suppen-Flasche), das wichtigste war. Die blühenden Porzellanmanufakturen brachten immer neuere Formen und Farben auf den Markt. Angeheizt durch die so beliebten Teewettbewerbe wurde schwarz-glasierte Teeschalen besonders beliebt und begehrt, da in Ihnen der Teeschaum am besten zur Geltung kam

Während der Mongolenherrschaft (1279-1368), der Dynastie der Yuan, wurde die Teeherstellung weiter vereinfacht und statt der Teekuchen mehr und mehr  Blatt- und Pulvertee sowie auch Mischtees, also Tees mit anderen Zutaten versetzt, hergestellt.

Zwischen 1271 und 1295 bereist der venezianische Kaufmann Marco Polo (1254-1324) China und die Mongolei. Als Vertrauter des mongolischen Kaisers Shizu (Kublai Khan), bereiste er in dessen Auftrag viele Teile Chinas. Nach Venedig zurück gekehrt verfasst er einen Reisebericht, in dem wenig über Tee die Rede ist. Er berichtet lediglich von einem Finanzminister des chinesischen Kaiserreiches, der wegen eigenmächtiger Erhöhung der Teesteuer vom Kaiser entlassen wurde.


[12] Dem von Genaral Ān Lù Shān (安祿山, 703-757) angestachelten und nach ihm benannten Aufstand (756-763) sollen mehr als 30 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein.

[13] Eine deutschsprachige Übersetzung aus dem Alt-Chinesischen mit Kommentaren von Jian Wang und Karl Schmeisser ist unter dem Namen Lu Yu – Cha Ching 2002 im Styria-Verlag erschienen.

[14] Insgesamt listet Lu Yu selbst nicht weniger als 19 Teegebiete auf, denen er auch bestimmte Tees zuordnete und deren Qualität er beschrieb. Cf. Lu Yu Cha Ching, Das Klassische Buch vom Tee, bearbeitet und übersetzt von Jian Wang und Karl Schmeisser, Graz 2002, p.55.

[15] Ein erster Beleg für den Aufenthalt buddhistischer Mönche in China stammt aus dem Jahre 65 während der Amtszeit des Han-Kaisers Ming.

[16] Eigentlich Wǔ Zé Tiān (625-705 武則天) und posthum Wǔ Hòu; (武后) genannt;  Kaiserin Wu war die einzige Frau, die offiziell als Kaiserin den Himmelsthron bestieg. Durch Mord und Intrigen bestieg sie 690 mit Unterstützung der Buddhisten den Drachenthron (es wurden zu jener Zeit Schriftrollen gefunden, die belegen sollten, dass Buddha angeblich eine Frau sei), worauf im Gegenzug 691 der Buddhismus zur Staatsreligion ernannt wurde.

[17] Ceresa, Marco, „Tee“, In: Brunhild Staiger, Stefan Friedrich und Hans-Wilhelm Schütte (Ed.s), Das Große China-Lexikon, Geschichte – Geographie – Gesellschaft – Politik – Wirtschaft – Bildung – Wissenschaft – Kultur, Eine Veröffentlichung des Instituts für Asienkunde Hamburg, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2003, pp. 751f.

[18] Eine erste Teesteuer soll es bereits im Jahre 221 v.Chr. zur Zeit der Qin-Dynastie gegeben haben als Tee noch weitgehend als Heilmittel galt.

[19] Dieser Name stammt übrigens von dem deutschen Geographen Ferdinand von Richthofen, der diesen Begriff erstmals 1877 benutzte.

[20] Eine erste Teesteuer soll es bereits 221 v.Chr. gegeben haben, ein zweiter Versuch wurde im 7. Jahrhundert nach Niederschlagung der An Lu Shan-Rebellion unternommen als die Staatskassen nach einer 7-jährigen Revolte völlig ausgebrannt waren.

[21] Manchmal spricht man auch von der „mittelalterlichen Warmzeit“ (bis etwa zum 12. Jahrhundert) und der „Kleine Eiszeit“ (etwa vom 13. bis 16. Jahrhundert), die möglicherweise durch einige kapitale Vulkanausbrüche verursacht wurde.

[22] Cf. Schleinkofer, Otto F,  Der Tee, München, 1924, p.1, Neuauflage München, 1956 (Michael Beckstein).

[23] Wang Yucheng, Cai Xiang, Fan Zhongyan, Ouyang Xiu, Wang Anshi, Mei Raochen, Su Shi, Su Che, Huang Tingjian sowie Lu You, sie alle nahmen an den Teeproben teil.

[24] Der Tee von Beiyuan wird regelmäßig dem Sohn des Himmels gewidmet. Zuvor sind Teemänner zum Wettbewerb angetreten. In Bronzekesseln kocht das Wasser aus dem Fluss Zhonglingjiang. Teeblätter wirbeln wie grüne Staubpartikel auf, schneeweißer Schaum steigt in den Tassen der Teilnehmer hoch. Ein erfrischender Duft verbreitet sich in der Luft. Eine scharfe Auslese wird getroffen. Die Sieger fühlen sich wie Götter, die Verlierer empfinden Schmach und Schande, als ob sie kapitulierende Frontsoldaten wären.

[25] Das englische Wort china entstand einfach aus ein Kurzform für den mehr allgemeinen Begriff „Waren aus China“.

[26] Quelle für alle vorgenannten Künstler, Gelehrten und deren Arbeiten sind die Ausstellung und Veröffentlichungen des Nationalen Tee-Museum von China in Hangzhou, Provinz Zhejiang.