Gong Fu Cha

Gōng fu chá Den Begriff Gong Fu kennen wir als Kriegs- oder Kampfkunst. Der Begriff kennzeichnet etwas, das durch harte und geduldige Arbeit erreicht wird. Gōng fu chá (manchmal auch Kung Fu Cha geschrieben – 工夫茶 or 功夫茶) beschreibt eine der Teezeremonien in China. Man könnte sie deshalb auch als Teezeremonie mit besonderer Mühe, Anstrengung und Sorgfalt bezeichnen. Man sollte sich aber von dieser Begriffsbestimmung nicht abschrecken lasse; ganz im Gegenteil, je vertrauter man mit der Zeremonie wird, vielleicht eigene Kniffe erlernt, und je häufiger man Gōng fu chá mit und unter Freunden zeremoniert, sich an exzellentem Tee und schönen Teeaccessoires erfreut, um so mehr werden die Anstrengungen zu einer Freude und die Teekultur zu einem wichtigen Teil Ihres Lebens. Waren etwa bis zum 14. Jahrhundert die Teezeremonien noch beherrscht von den sog. Teewettbewerben – die sich in Japan im Chá Do weiterentwickelt und bis heute erhalten hat -, so hat sich Gōng fu chá allmählich entwickelt als lose Blatttees immer beliebter wurden. Die Zeremonie entstand schließlich am chinesischen Kaiserhof der Ming-Zeit (1368 bis 1644) und wurde durch zahlreiche Teemeister im Laufe der Jahrhunderte zunehmend verfeinert bzw. weiterentwickelt. Noch heute sind sie gängige Zeremonien besonders in Yunann, Sichuan, Fujian und Taiwan. Man bevorzugt diese Methode besonders bei allen halb- und postfermentierten Tees, also bei Oolong Tees und Pu-Erhs. Um dem Tee die optimalen Eigenschaften zu entlocken, wurde diese recht aufwendige Zeremonie entwickelt, für die im Lauf der Jahrhunderte auch besonderes Geschirr und Zubehör entwickelt wurde, das bereits vom „Tee-Gott“ Lù Yǔ) (733–804 – 陆羽), in seinem Buch Cha Ching (茶经- Das Klassische Buch vom Tee; vermutlich 764 entstanden), beschrieben wurde, dem ersten Buch über die Herkunft und Kultivierung des Tees. Gōng fu chá ist wichtiges Element spricht man über chá dào, also die chinesische „Kunst des Tees“ oder den „Teeweg“.[1] Doch anders als die japanische Teezeremonie geht es hier weniger um das strikte Einhalten von Zeremonien und Ritualen. Vielmehr bedeutet gōng fu chá in erster Linie Freude am Genuss von Tee und seiner Vorbereitung sowie an den schönen Accessoires. Dabei weisen teure Teesorten und schönstes Teezubehör auf den hohen Stellenwert in der chinesischen Gesellschaft hin. Folgedessen ist es nicht verwunderlich, dass für seltene Tees tausende von Euros pro Kilogramm bezahlt werden, oder dass für Zisha-Teekannen bekannter – zeitgenössischer – Meister aus Yixing (siehe Artikel über Yixing) nicht selten fünfstellige Eurobeträge gezahlt werden. In einer gesundheitsbewussten Gesellschaft wie China, wo das Chi, die Balance zwischen seelischem und körperlichen Gleichgewicht, eine besondere Rolle spielt, gilt dem Tee als besonderes gesundem Nahrungsmittel auch ein ganz besonders hoher Stellenwert. In diesem Zusammenhang spielen einerseits die Wirkungen natürlich, also ohne Zusätze genossenen Tees, andererseits die auf Entspannung, Besinnung und Ruhe abzielende Teezeremonie eine besondere Rolle, besonders bei den geistigen Eliten wie Wissenschaftlern und Künstler, aber auch in der zunehmend wachsenden Mittelschicht. Für die Teezeremonie benötigen wir –       Zisha oder Yixing Teekanne: Das Besondere ist ihre Materialbeschaffenheit. Der poröse Ton absorbiert einerseits den Geschmack des Tees, andererseits kann dadurch Luft in die Kanne zu gelangen, wodurch sich das Aroma des Tees noch besser entfaltet. Wird in ihr immer dieselbe zubereitet wird, dann wird die Kanne immer besser und wertvoller und der Teegenuss zum besonderen Erlebnis. Übrigens, je kleiner die Kanne, desto besser kann die Qualität des Tees beeinflusst bzw. kontrolliert werden. In kleinen Zirkeln (ein bis vier Personen) empfiehlt sich eine Kanne zwischen 200 und 250 ml. –       cha wen, die Teetassen oder Teeschalen: dünnwandige Tassen aus Yixing-Ton oder Porzellan aus Jingdezhen. Die Tassen sollten nicht zu groß sein, damit die Wärme erhalten bleibt. Übrigens sollte man den Tee möglichst heiß und in kleinen Schlucken trinken. oder „schlürfen“ –       bei dian, Untersetzer aus Porzellan, Ton, Holz, Bambus oder Stoff –       ein schönes aber nicht zwingend erforderliches Requisit ist ein cha pan, der „Teetisch“ und ein passender Abflussbehälter. Diese sind in allen Größen und Formen erhältlich und besonders nützlich, da beim gōng fu chá viel überschüssiges Wasser anfällt, das so ideal sofort abfließen kann. –       Alternativ kommen ein kleines Tablett, Teetuch und eine Wasserschüssel (shui yu) in Betracht. –       fei cha tong,  Behälter aus Kunststoff oder besser aus Bambus oder Edelstahl für das überschüssige Wasser und die Teereste –       cha dao ju, Teewerkzeuge in einem entsprechenden Halter bestehend aus Teelöffel oder Spaten, Teemesslöffel, Trichter, Zange oder Pinzette, Teenadel etc. –       ggf. ein Pu Erh dao, ein Pu-Erh Teemesser, um Tee aus dem Pu-Erh-Kuchen zu lösen –       yang hu bi, Teekannenpinsel –       lu wang,  Teesieb und lu wang jia,  Teesiebhalter –       cha jin, Teetücher –       Wasserkessel aus Eisen, Glas, Keramik oder Edelstahl und eine elektrische oder andere Kochstelle; alternativ ein elektrischer Wasserkocher –       Wasser und ein entsprechender Wasserbehälter ggf. mit automatischer Pumpe –       natürlich cha, den Tee selbst – für das gong fu cha natürlich nur die edelsten Sorten – sowie chao ye guan, ein ebenso schöne wie zweckmässige Teedose –       den cha he aus Porzellan oder Keramik zum Präsentieren und Begutachten des Tee –       pin ming bei und wen xiang, vielleicht am besten als Aroma- oder Dufttasse übersetzt –       gong dao bei, Glas-, Ton- oder Porzellankanne, in die der gekochte Tee aus der Yxing-Teekanne umgefüllt wird –       ggf. feng cha pan, ein Serviertablett –       ggf. cha wan, kleine Utensilien und Schmuckgegenstände aus Ton oder Porzellan wie kleine Buddhas, Hunde, Drachen, Schweinchen etc. Die Teezeremonie beginnt mit dem bewussten Aufbau der Utensilien auf und um den Teetisch. In der Regel sitzen die Gäste dem Teemeister oder Gastgeber gegenüber. Ihnen wird je eine oder mehrere Teeschalen zugeordnet. Der Gastgeber beginnt mit dem Waschen und Wärmen der Teekanne und der Teeschalen, wobei er die Teepinzette oder Teezange benutzt. Nun wird der Tee auf den cha he, den Präsentierteller, geschüttet. Es werden ggf. Verunreinigungen und Stiele aussortiert und die Gäste haben die Gelegenheit den Tee zu begutachten und zu riechen. Je nach Sorte wird nun die Teekanne zu rund einem Drittel mit Tee gefüllt, auf das im Falle von Oolong und Pu-Erh nahezu kochendes Wasser gegossen wird. Dieser erste Aufguss dient dem Waschen und Wecken des Tees; das Wasser wird schnell wieder abgegossen. Jetzt wird wieder kochendes Wasser nachgefüllt. Nach nur zehn bis fünfzehn Sekunden wird der Tee entweder in die Aromatassen oder gleich in die Servierkannen aus Glas oder Keramik geschüttet. Natürlich möchte der wahre Teeliebhaber zunächst das Aroma in der Dufttasse genießen. Danach schütten Sie den Tee in die Teeschalen und duften an der speziellen Aromatasse. Erst dann beginnen sie den Tee aus den Schalen in kleinen Schlucken zu schlürfen. Während der ganzen Zeremonie erfreuen sich alle Sinne an der Vor- und Zubereitung sowie am Genuss des Tees und am weidenden Anblick schönster Teeaccessoires.  Übrigens, je nach Sorte der Tees und Sorgfalt der Zubereitung wird dieser Vorgang bis zu acht Mal, manchmal gar bis fünfzehn Mal wiederholt. Anders als bei der japanischen Teezeremonie, dem cha do oder cha no yu, beteiligen sich die Gäste an der Zeremonie in Form von Wortbeiträgen, Kommentaren usw., entweder welches nun der beste Aufguss sei, welches Wasser am besten geeignet sei oder wie wunderschön doch die Tonkannen aus Yixing in ihrer beeindruckenden Schlichtheit sind. Diese Form der Teezeremonie hatte ein Zeitlang nur in bürgerlichen Kreisen weiter existiert, doch erfreut sie sich heute wieder einer zunehmenden Beliebtheit und ist bei Künstlern und Akademikern oder bei Bildungsbürgern kaum mehr wegzudenken.   Hinweis: Ein kleiner Film sowie Bilderserien, die die Utensilien sowie die einzelnen Schritte der chinesischen Teezeremonien zeigen, sind in Vorbereitung und werden demnächst an gleicher Stelle veröffentlicht.   Literaturhinweise (Auswahl):

  • Hu Hsiang-fan und Carla Steenberg, Das Geheimnis des Tees, Bielefeld (Kamphausen und Theseus), 2002 und 2009
  • Andreas Gruschke, Andreas Schörner, Astrid Zimmermann: Tee. Süßer Tau des Himmels. München (DTV), 2001
  • Ling Yun, Tao of Chinese Tea, Shanghai, 2009
  • Li Hong (übersetzt von Yilise Lin), Brewing Tea, Peking, 2009
  • John Blofeld, The Chinese Art of Tea, s.l. 1985. In der Übersetzung von Erwin Schuhmacher erschienen: Das Tao des Teetrinkens – Von der chineischen Kunst, den Tee zu bereiten und zu genießen, Bern, München und Wien (Scherz-Verlag), 1985 ff
  • Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee übertragen und mit einem Nachwort versehen von Horst Hammitzsch und einem Essay von Irmtraud Schaarschmidt-Richter. Frankfurt am Main (Insel-Verlag), 2002
  • Horst Hammitzsch, Cha-Do. Der Tee-Weg.    Eine Einführung in den Geist der japanischen Lehre vom Tee. München (O.W. Barth Verlag), 1958. Eine gekürzte Neuauflage erschien 1977 unter dem Titel Zen in der Kunst der Tee-Zeremonie (ibid.)
  • Horst Hammitsch, Japan-Handbuch. Land und Leute, Kultur und Geistesleben. Stuttgart (Steiner Verlag), 1990.
  • Horst Hammitzsch, Zen in der Kunst der Tee-Zeremonie. München, Bern und Wien (O.W. Barth Verlag und Scherz Verlag) , 1977. Dieses Buch ist eine gekürzte Neuausgabe von Cha-Do – Der Tee-Weg, das 1958 im Barth-Verlag erschien
  • Horst Hammitzsch, siehe Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Horst Hammitzsch. Mit Fotos aus Japan und einem Essay von I. Schaarschmidt-Richter. Frankfurt, 2002 (Insel Verlag).
  • Sandy Taikyu Kuhn Shimu, Mit Buddha Tee trinken – Eine Einführung in die chinesische Teezeremonie, Darmstadt 2011

In unserem Literaturverzeichnisfinden Sie noch zahlreiche weitere lesenswerte Teebücher über die chinesische Teekunst.


[1] Bitte beachten Sie, dass wir unter chá dào (bitte Schreibweise beachten) ganz allgemein die chinesische Teekunst und -kultur verstehen, und dass gong fu cha ein Teil dieser Teekultur ist. Dahingegen ist das japanische cha do (nicht dao) oder cha no yu, eine oder besser die japanische Teezeremonie, ein festgelegtes Ritual, das aus der chinesischen Teekultur entstand.