Teekultur

Von Chá Yì, Chá Dào und Gōng Fū Chá

Drei Dinge auf dieser Welt sind höchst beklagenswert:
Das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung,
das Schänden bester Bücher durch gemeines Begaffen
und die Verschwendung besten Tees durch unsachgemäße Behandlung

 Li Chi Lai (Li Zhi Lai), chinesischer Literat aus der Song-Dynastie (960 – 1279)

Hintergrund und Einführung der chinesischen Teekultur

Im Westen ist die japanische Teekunst Cha Do relativ bekannt, doch die wenigsten wissen, dass sie ihre Ursprünge in der jahrtausendealten chinesischen Teekultur Chá Dào hat, wörtlich der Teeweg und sinngemäß die Kunst des Tees (茶道, siehe dazu auch die Chá Dào Chronik der chinesischen Teekultur). Während der Song-Dynastie hielt sich der japanische Mönch Eisai oder Eisai-zenji (1141 – 1215) mehrfach in China auf, um den Zen-Buddhismus zu studieren. Von seinen Reisen Ende des 12. Jahrhunderts brachte er sowohl den Tee als auch das Wissen um die chinesische Teezeremonie nach Japan, wo aus ihr in den kommenden Jahrhunderten die heute noch praktizierte japanische Teezeremonie Cha No Yu (heißes Wasser für Tee) entstand, deren Regeln endgültig von Sen no Rikyû (1522 – 1591) festgelegt wurden.

Die von Eisai so geschätzte Teezeremonie hatte ihre Wurzeln bereits in der Tang-Dynastie (618 – 907) als der chinesische „Teegott“ Lu Yu (733 – 804) das Cha Ching, das Klassische Buch vom Tee, verfasste, die erste Anthologie über Tee überhaupt, in dem Lu Yu beschrieb wie der geröstete Tee aufgekocht, gemahlen und schließlich mit Salz aufgekocht wurde, die „Schule des gesalzenen Pulvertees“. Die tangzeitliche stark vom Zen-Buddhismus beeinflusste Teezeremonie entwickelte sich schnell weiter, und aus ihr entstanden schließlich während der Dynastie der Song (960 – 1279) die berühmten Teewettbewerbe. Die sogenannte „Schule der geschäumten Jade“ lehrte, in einer vorgewärmten Teeschale Pulvertee mit ein wenig heißem Wasser zu einer Paste zu verrühren. Mit dem restlichen Wasser wurde mit einem Besen aus gesplissenem Bambus der Tee geschlagen bis sich an der Oberfläche eine möglichst feste Schaumkrone bildete. Gewonnen hatte den Teewettbewerb derjenige, dessen Schaum möglichst fest war und sich dementsprechend lange hielt.

Während in Japan des 15. und 16. Jahrhunderts diese Methode des Teeschlagens immer beliebter wurde und sich als Ritual mit festen Regeln in der japanischen Kultur nachhaltig verankerte, entwickelte sich die chinesische Teekultur in den anschließenden Dynastien in eine völlig andere Richtung. Nach einem gewissen Stillstand und unruhigen Zeiten während der kurzen Mongolenherrschaft (Dynastie der Yuan, 1279 – 1368) entstand in der anschließenden Dynastie der Ming (1368 – 1644) und der Dynastie der Qing (1644 – 1911) die „Schule des duftenden Blattes“: Statt des mit einem Bambusbesen aufgeschlagenen grünen Pulvertees bevorzugten die Chinesen nunmehr Teeblätter, die sie mit heißem Wasser aufgossen. Im Zuge dieser Entwicklung entstand auch die Vielfalt der chinesis

chen Teesorten, vor allen Dingen aber war dies die Grundlage für die Entwicklung der bis heute praktizierten chinesischen Teezeremonie, das Gōng Fū Chá.

Den Begriff Gōng Fū – den wir hauptsächlich als Kriegs- oder Kampfkunst kennen – kennzeichnet etwas, das durch harte und geduldige Arbeit erreicht wird. Gōng Chá (工夫茶 oder 功夫茶) aber beschreibt eine der wichtigsten Teezeremonien in China. In Anlehnung an vorgenannte Definition könnte sie als Teezeremonie bezeichnet werden, die mit besonderer Mühe, Anstrengung und Sorgfalt durchgeführt wird. Doch sollten diese Begrifflichkeiten nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil, je vertrauter die Zeremonie wird, wenn man sich vielleicht eigene Kniffe aneignet, sozusagen seinen eigenen „Teeweg“ beschreitet, je häufiger man Gōng Chá mit und unter Freunden zelebriert, sich an exzellenten Tees und schönen Teeaccessoires erfreut, um so mehr werden die Anstrengungen zu einer Freude und die Teekultur zu einem wichtigen Teil des täglichen Lebens: So verstanden und gelebt kann sich das Gōng Chá zu einem Ruhepol und Ausgleich in einer zunehmend hektischeren Welt, zu einer regelmäßiges Zeremonie auf die man bald nicht mehr verzichten möchte.

Mit ihren Ursprüngen am chinesischen Kaiserhof der Ming-Zeit (1368 – 1644) wurde die Zeremonie durch zahlreiche Teemeister im Laufe der Jahrhunderte zunehmend verfeinert bzw. weiterentwickelt. Heute wird diese Methode besonders bei allen Blauen Tees (Wu Long Cha), Roten Tees (Hong Cha) und postfermentierten Tees (Pu’erh Cha) bevorzugt. Noch immer ist sie die gängige Zeremonie in weiten Teilen des Landes und in zunehmend mehr Gesellschaftsschichten, besonders aber in den Provinzen Yunnan, Sichuan und Fujian sowie in Taiwan. Nach einem für die Chinesen so düsteren und turbulenten 20. Jahrhundert, in dem auch die Teekultur besonders gelitten hat, werden heute die chinesische Teekultur und das Gōng Fū Chá sogar wieder in der Schule gelehrt.

Gōng Chá ist ein wichtiges Element des Chá Dào, der chinesischen Kunst des Tees oder des Teeweges, wie sie in Anlehnung an ihre daoistischen Wurzeln genannt wird. Doch anders als die stark vom Zen-Buddhismus beeinflusste japanische Teezeremonie geht es hier weniger um ein striktes Einhalten von Zeremonien und Ritualen. Vielmehr bedeutet Gōng Fū Chá – trotz gewisser Regeln – in erster Linie die gemeinsame Freude am Genuss erlesener Tees und seiner Vorbereitung sowie an den schönen Accessoires. Dabei weisen teure Teesorten und schönstes Teezubehör auf den hohen Stellenwert in der chinesischen Gesellschaft hin. Nicht selten werden für seltene und besondere Tees astronomische Preise erzielt[1], und für Zisha-Teekannen bekannter – zeitgenössischer – Meister aus Yixing  oder von kunstvollem Porzellan aus Jingdezhen werden nicht selten fünfstellige Eurobeträge gezahlt.

In einer ebenso gesundheits- wie traditionsbewussten Gesellschaft wie China, wo die „unsichtbare“ Lebensenergie Chi (气), die komplementären Gegensätze Yin (陰) und Yang (陽) oder die Balance zwischen seelischem und körperlichen Gleichgewicht, eine besondere Rolle spielen, wächst dem Tee als besonders gesundem Nahrungsmittel, der besondere Eigenschaften und Zustände verstärkt oder abschwächt, seit jeher natürlich eine besondere Bedeutung zu. Die Wirkungen der natürlichen, ohne Zusätze genossenen Tees werden perfekt ergänzt durch eine auf Entspannung, Besinnung und Ruhe abzielende Teezeremonie. Und das Gōng Fū Chá wird längst nicht mehr nur von den geistigen Eliten wie Wissenschaftlern und Künstlern bevorzugt, die zunehmend wachsende Mittelschicht schätzt diese traditionelle Form der Teekultur gleichermaßen, nicht nur als Ausdruck des kulturellen Erbes und als Teil einer fernöstlichen Lebensphilosophie sondern auch als Ausdruck einer Bewussten Lebensführung.

Um dem Tee die optimalen Eigenschaften zu entlocken, wurde diese anfangs recht aufwendig erscheinende Zeremonie weiterentwickelt, für die im Laufe der Jahrhunderte auch besonderes Geschirr und Zubehör entwickelt wurde, dass wir Ihnen im folgenden Kapitel vorstellen möchten.

Tee trinken heißt, den Lärm der Welt vergessen.

Tien Yi Hing, chinesischer Philosoph und Gelehrter


[1] In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 11. Januar 2012 wird von einem Yan Cha Oolong, also einem Steintee aus dem Wuyi-Gebirge berichtet, der für 6.200 Euro pro Pfund verkauft wird, und danach werden für den Xihu Long Jing Preise bis zu 3.700 Euro pro Pfund erzielt.